Hudson Tayler und das ausgetauschte Leben


Im Leben jedes Gläubigen gibt es eine Zeit, wo er sich bewusst wird, dass er versagt und alles das, was der HERR von ihm erwarten konnte, nicht erreicht hat. Dann kommt es zu einer entscheidenden Begegnung mit dem auferstandenen HERRN und zu einer völligen Übergabe an Ihn, welchen den Tod des eigenen Ichs bedeutet.

Es folgt ein gläubiges Aneignen Seines Auferstehungslebens und als Folge davon ein überströmendes Leben, das der Herr Jesus mit „Strömen lebendigen Wassers" verglichen hat. (Johannes 7:37-39).

Als junger Mann hatte Hudson Taylor den Herrn Jesus als seinen persönlichen Heiland angenommen und war dann sehr bald auf das Missionsfeld nach China gerufen worden. Dort hatte er fünfzehn Jahre lang eifrig und mit Erfolg gearbeitet, ehe er das "ausgetauschte Leben" an sich erfuhr.

Im Alter von siebenunddreißig Jahren schüttete er seiner Mutter in einem langen Brief sein Herz aus. Man spürt darin, wonach er im Innersten hungerte und dürstete:
Gedanken eines unbekannten Bruders

(Es wurden in diesem Text kleine grammatikalische Veränderungen von uns vorgenommen und die Absätze etwas verändert)
"Meine Stellung hier wird allmählich immer verantwortungsvoller, und ich brauche, um ihr gewachsen zu sein, immer mehr besondere Gnade. Aber ich bin dauernd traurig darüber, dass ich meinem herrlichen Meister nur von ferne nachfolge und so langsam lerne, IHM ähnlich zu werden. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie mich manchmal die Versuchung quält. Ich habe nie gewusst, was für ein böses Herz ich habe. Aber das eine weiß ich: dass ich Gott und Sein Werk liebe und IHM allein in allen Dingen dienen möchte. Teurer als alles ist mir der Heiland, in dem allein ich angenommen werden kann. Oft denke ich, dass jemand, der so voller Sünde ist wie ich, überhaupt kein Kind Gottes sein kann. Doch versuche ich diesen Gedanken immer von mir zu weisen und mich umso mehr an der Herrlichkeit Jesu zu erfreuen und an dem Reichtum jener Gnade, die uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten. Er wird von Gott geliebt, Er muss auch von uns geliebt werden. Ach, wie komme ich auch hier wieder zu kurz! Möge Gott mir helfen, IHN mehr zu lieben und Ihm besser zu dienen. Bete für mich. Bete darum, dass der HERR mich vor der Sünde bewahre, mich ganz heilige und mich mehr in Seinem Dienst gebrauchen möge."
Im menschlichen Herzen gibt es keine Wünsche, die Gott nicht befriedigen könnte. Die größte Schwierigkeit bereitet es dem Christen, die Verheißungen des Heilands wörtlich zu nehmen - IHN den Heiland sein lassen und nicht versuchen, sein eigener Heiland zu sein. Der Herr Jesus spricht: "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!"

Es wird uns also gesagt, dass wir zu Ihm kommen sollen, nicht zu irgendeinem Freund, nicht zu einem Erlebnis, nicht zu einem Gefühl oder zu einer Gemütsstimmung. Wir sollen nicht einmal zum Wort Gottes kommen; vielmehr müssen wir durch dieses Wort zu der Person des Herrn Jesus selbst kommen.

Den Weg zur Herzenszufriedenheit und Seelenruhe fand Hudson Taylor durch einen befreundeten Missionar, John McCarthy. Dieser schrieb ihm:
"Dass ich meinen Heiland Seinen Willen in mir wirken lasse, nämlich meine Heiligung. Das ist es, was durch Seine Gnade mein Lebensinhalt sein soll. In IHM bleiben, nicht selbst kämpfen und sich abmühen; wegsehen, auf Ihn; sich auf Seine lebendige Kraft verlassen; lHM vertrauen, dass Er alle Verdorbenheit des Herzens besiegt; in der Liebe eines allmächtigen Retters ruhen, in der Freude einer gewissen, völligen Erlösung, einer Erlösung ,von allen Sünden' (so hat Er es selbst gesagt) - (Anmerkung: heißt nicht, dass wir hier Sündenfrei werden); sich wirklich in Seinen als den höchsten Willen fügen - das alles ist nicht neu, doch ist es neu für mich. Mir ist, als ob die erste Morgenröte eines herrlichen Tages über mir angebrochen ist. Ich grüße sie mit Zittern, aber voller Vertrauen. Ich habe das Gefühl, als wäre ich nur bis ans Ufer eines Meeres gekommen, das ohne Grenzen, ist - als hätte ich nur genippt von etwas, das allen Durst löscht. Christus ist mir jetzt buchstäblich die ganze Kraft und die einzige Kraft für meinen Dienst; Er ist der alleinige Grund meiner unveränderlichen Freude. Möchte Er uns in die Erkenntnis Seines unergründlichen Reichtums hineinführen.“
Diesen Brief gebrauchte der Herr, um Hudson Taylor buchstäblich in die "Erkenntnis Seines unergründlichen Reichtums" zu führen. Taylor las ihn am Samstag, dem 4. September 1869, in der kleinen Missionsstation Chingkiang. Er war immer sehr zurückhaltend, wenn er über Einzelheiten des Erlebnisses sprach, das sein Leben umgestaltete. Aber das sagte er: "Während ich den Brief las, wurde mir alles klar. Ich blickte auf Jesus ... und welch eine Freude strömte da in mein Herz!"

Hören wir, was der Gottesmann selbst über "das Leben, das Christus ist", sagt. Er schrieb an seine Schwester in England:
"Ich betete, quälte mich ab, ich fastete und mühte mich, fasste Vorsätze, las die Schrift fleißiger, suchte mehr Zeit zur inneren Sammlung - alles war vergebens. Täglich, fast stündlich drückte mich das Bewusstsein der Sünde zu Boden. Dann kam die
Frage: „ Gibt es keine Hilfe? Muss es immer so weitergehen - immer Kampf, und anstatt des Sieges nur Niederlagen?“

Statt Kraft zu gewinnen, schien ich immer schwächer zu werden und weniger gegen die Sünde auszurichten. Ich hasste mich, ich hasste die Sünde und doch bekam ich keine Macht über sie. Ich fühlte, dass ich ein Kind Gottes war, denn trotz allem schrie sein Geist in meinem Herzen das „Abba, lieber Vater“. Aber ich war nicht imstande, mein Kindesrecht auszuüben. Ich glaubte, die Heiligung sei allmählich durch fortwährenden Gebrauch der Gnadenmittel erreichbar, aber ich kam mit all meinem Bestreben und Mühen nur immer weiter vom Ziel. Als langsam das Licht empor dämmerte, gewahrte ich, dass der Glaube das einzige Erfordernis war, dass der Glaube die Hand war, die seine Fülle erfassen und mir zu eigen machen konnte. Ich strebte nach diesem Glauben, aber er kam nicht, ich versuchte ihn zu üben, aber vergeblich. Wie kann also unser Glaube zunehmen? Nur dadurch, dass wir an alles denken, was Jesus ist, und was ER für uns ist. Sein Leben, Sein Tod, Sein Werk, ER selbst, wie ER sich uns im Wort offenbart, muss der Gegenstand unserer Gedanken sein. Wir müssen uns nicht bemühen, Glauben zu haben oder unseren Glauben zu mehren, sondern wegsehen von uns auf den Treuen; das ist alles, was wir nötig haben, völliges Ruhen in dem Geliebten. 

Jetzt habe ich Ruhe! dachte ich. Bisher habe ich mich vergebens angestrengt und darum gerungen, in Ihm zu ruhen. Nun will ich mich nicht mehr anstrengen. Hat Er nicht verheißen, bei mir zu bleiben mich nie zu verlassen, mich nie zu versäumen? - Dieses Versprechen, Liebste, wird Er bestimmt halten! Aber das war nicht alles, was Er mir zeigte, nicht die Hälfte war es. Als ich an den Weinstock und die Reben dachte - Wie erleuchtete da der Heilige Geist mein Herz! Mir wurde klar, wie völlig verkehrt es gewesen war, dass ich mir immer selbst die Kraft und Fülle aus Ihm holen wollte. Ich erkannte nicht nur, dass Jesus mich nie verlassen würde, sondern auch, dass ich ein Glied an Seinem Leibe war, von Seinem Fleisch und Seinem Gebein.

Jetzt verstehe ich es: Der Weinstock ist nicht nur Wurzel, sondern alles - Wurzel, Stamm, Reben, Ranken, Blätter, Blüten, Frucht. Und nicht nur das ist Jesus, Er ist auch Erde und Sonnenschein, Luft und Regen und zehntausendmal mehr als alles, was wir uns je erträumt und gewünscht haben. O, welche Freude, diese Wahrheit zu erkennen! Ich bete darum; dass Dein Verstand erleuchtet werden möchte, damit Du den Reichtum, der uns in Christus umsonst gegeben ist, kennen lernen und genießen kannst. O, liebe Schwester, ist es nicht wunderbar, dass wir eins sind mit dem auferstanden und erhöhten Heiland? Dass wir Glieder Christi sind?

Denke doch, was das heißt! Kann Christus rein sein und ich arm? Kann Deine rechte Hand reich sein und Deine linke arm? Kann das Haupt die Nahrung haben und die Glieder hungern?

Weiter, denke, was das für unser Beten bedeutet! Kann ein Bankbeamter zu einem Kunden sagen: „Nur ihre Hand hat den Scheck geschrieben, nicht sie selbst!“? oder “Ich kann diese Summe nicht ihrer Hand übergeben, sondern nur ihnen selbst“? Ebenso wenig können unsere Gebete zurückgewiesen werden, wenn wir sie im Namen Jesu sprechen. Solange wir uns innerhalb der Grenzen seines Kredites- einer sehr umfassenden Grenze halten. Wenn wir etwas erbitten, was nicht schriftgemäß ist oder nicht dem Willen Gottes entspricht, so könnte selbst Christus es nicht erfüllen, aber „So wir etwas bitten nach Seinem Willen, so hört ER uns, und… wir wissen, dass wir die Bitten haben, die wir von IHM erbeten haben.“
 
Das Köstlichste von allem, wenn man hier überhaupt davon sprechen kann, dass eins köstlicher ist als das andere - ist die Ruhe, die das völlige Eins sein mit Christus mit sich bringt. Wenn ich mir das vergegenwärtige, mache ich mir über nichts mehr Sorgen; denn ich weiß, Er kann Seinen Willen ausführen, und Sein Wille ist auch der meine. Es kommt nicht darauf an, auf welchen Platz Er mich stellt und wie Er das tut. Das ist Seine Sache und nicht mehr meine. Denn Er muss mir für die einfachsten Aufgaben Seine Gnade schenken, und auch für die schwierigsten reicht Seine Gnade aus. Meinem Diener macht es auch keinen Unterschied, ob ich ihn ausschicke, um Dinge im Wert von ein paar Pfennigen einzukaufen, oder solche, die eine große Summe kosten. In beiden Fällen erwartet er das Geld von mir, wie er den Einkauf mir bringt. Muss nicht ebenso Gott mir, wenn er mich in große Verlegenheit bringt, viel Führung geben? Kann ich nicht in großen Schwierigkeiten viel Gnade in Bedrängnis und Gefahr viel Kraft erwarten? Keine Sorge, dass seine Macht nicht auch in der größten Not ausreichen könnte! Seine Macht ist mein, denn ER ist mein und ist mit mir und wohnt in mir! All das entspringt dem Bewusstsein, dass der Glaubende mit Christus eins ist."
Mac Carthy ermahnte einmal:
"Bist du in großer Eile, bist du nervös, in Sorgen? Sieh auf! Blicke auf den HERRN in Seiner Herrlichkeit! Lass sein Antlitz auf dir ruhen - das Angesicht des Herrn Jesus Christus.

Meinst du, ER könnte jemals in Unruhe und Sorge sein? Es ist keine Kummerfalte auf Seiner Stirn, nicht der leiseste Schatten von Angst. Und doch sind deine Schwierigkeiten und Sorgen auch die Seinen."
Diese Wahrheiten sind auch in einem Buch von Harriet Beecher Stowe geschrieben, das Hudson Taylor jedem Mitglied der Mission gab. Frau Stowe schreibt dort unter anderem:
"Wie bringt der Zweig Früchte? Nicht dadurch, dass er sich unaufhörlich anstrengt, Sonnenschein und Luft zu bekommen; nicht durch unnützes Ringen um jene belebenden Einflüsse, die der Blüte ihre Schönheit geben und dem Blatt das Grün. Nein, der Zweig bleibt ganz einfach am Baum, in stiller, ungestörter Verbindung mit ihm, und Blüten und Früchte bilden sich und wachsen wie von selbst. Wie also soll ein Christ Frucht bringen? Dadurch, dass er sich anstrengt und müht, das zu erreichen, was ihm umsonst gegeben wird? Durch Meditationen über Wachsamkeit, über Gebet, über das, was er tun und lassen soll, über Versuchungen und Gefahren? Nein, er seine Gedanken und seine Liebe voll und ganz auf Christus konzentrieren, sein ganzes Wesen Ihm völlig übergeben und dauernd auf Ihn schauen, um in Seiner Gnade zu bleiben. Christen, die in diesem Zustand einmal fest geworden sind, sind still und ruhig wie Kinder in den Armen der Mutter. Christus mahnt sie zur rechten Zeit und am rechten Ort an ihre Aufgaben und Pflichten, Er tadelt sie wegen jeden Fehlers, Er berät sie in jeder Schwierigkeit und spornt sie zu allem an, was nötig ist. In ewigen und zeitlichen Dingen machen sich solche Christen keine Sorgen um das Morgen; denn sie wissen, dass Christus für sie heute ebenso gut erreichbar ist wie morgen, und dass die Zeit Seiner Liebe keine Grenzen setzt. Ihre Hoffnung und ihr Vertrauen beruhen einzig darauf, was Er für sie tun kann und will; nicht darauf, was sie nach ihrer Meinung selbst für Ihn tun könnten und wollten. Ihr Schutz gegen jede Versuchung und Sorge ist die immer neue kindliche Übergabe ihres ganzen Seins an Ihn."
So dürfen wir aufhören, mit unserem Tun und Können zu rechnen. Es darf ganz verschwinden, denn erst dann steht uns die Allmacht bei. Wir brauchen von uns selber nichts Gutes mehr zu denken (2. Korinther 3:5-6), weil ER mächtig ist, uns alles zu schenken!
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