Ungeschönter Ehespiegel


"Der Mann gebe der Frau die Zuneigung, die er ihr schuldig ist,
ebenso aber auch die Frau dem Mann. " 1. Korinther 7,3

Man kann "Ehe" übersetzen: Mariage heißt's im Französischen,
Geduld - im Deutschen, Besonnenheit - im Deutschen, Güte - im Deutschen,
nicht Ich - im Deutschen, Immer nur Du - im Deutschen,
Sich über das Gleich freuen - im Deutschen, Über das Gleich weinen - im Deutschen.

Wer nicht sich gegenüber den Ton verträgt, mit dem er dem Ehegefährten begegnet,
der prüfe sich. Denn nicht der liebt die "Wahrheit", der sie anderen ins Gesicht schleudert.
Sondern nur der lebt sie, der sie sich wider die eigene Person gefallen läßt.

Ehe geht vor dem Beruf. Ehe geht vor der Zeitung. Ehe geht vor der Lieblingsbeschäftigung.
Ehe geht vor dem Scheuern. Und Ehe geht zumindest nicht nach der christlichen Gemeinde.

Wer nicht das e r s t e Wort nach Spannungen findet, sollte nicht heiraten.
Wer glücklich werden will, sollte nicht heiraten. Glücklich machen - da liegt es.
Wer verstanden werden will, sollte nicht heiraten. Verstehen - da liegt es.

„Recht behalten haben“ ist für den Liebenden das traurigste Geschäft.
Ich rede von Menschen, wie sie sind. Darum sage ich:
Sprich keinen Vorwurf aus. Es gibt keinen, den du ihm oder ihr machen könntest,
den er oder sie nicht schon längst im stillen gegen dich erhoben hat.

Was ist das höchste Gebot der Ehe? "Liebe deinen Nächsten!"
Wer aber ist mein Nächster?: Der keine Geduld mit dir hat.
Der gegen alle Selbstbeherrschung hat, nur nicht gegen dich.
Der dich kennt und dir doch falsche Beweggründe unterschiebt.

Vor Fremden darüber still sein, wenn ein Ehegefährte den andern im Stich läßt,
ist selbstverständlich. Der Liebende schweigt dann aber auch in der Zweisamkeit.
"Warte nur, wenn ich dich allein kriege" - das sagten die Flegel, als ich ein Kind war.

Für den Ehegefährten Zeit haben ist wichtiger als für ihn Geld bereitstellen.
"Höchste Liebe redet nicht" - so las ich einmal.
Aber nein, das ist falsch: Höchste Liebe tröstet sogar den Beleidiger - auch den in der Ehe.
Ach, die „Enttäuschten!" Ach, die „Gekränkten!" Ach, die „Unverstandenen".

Gott gab dem Ehegefährten die Ohren, damit er die Klagen des anderen liebreich anhört.
Liebreich anhören, nicht geduldig - da liegt es.
Wer in die Ehe tritt, ohne den festen Willen: nur Du - tritt neben die Ehe.

Wer den Ehegefährten zum gesellschaftlichen Spiel vor anderen ironisiert, bricht die Ehe.
Wer über den Ehegefährten bei andern klagt, bricht die Ehe.
Ehe ist dienen. Wer sich nur bedienen läßt, bricht auch die Ehe.

Möbelgemeinschaft ist keine Ehe. Erwerbsgemeinschaft ist keine Ehe.
Selbst Intimgemeinschaft ist noch nicht Ehe im vollen Sinn des Wortes.
Ehe ist vielmehr das Daheimsein in Erlösung von der Knechtschaft des Kleinlichen,
der Selbstsucht und der Ungüte. Ehe ist auch Gewissensgemeinschaft.

Ehe bedarf vor allem des Glaubens. Wie, es wären da zwei und Er wäre nicht mitten unter ihnen?
Wie, es wären da zwei und sie stünden nicht zusammen für den, den sie gemeinsam lieben?
Ehe ist auch Anbetung dieses Einen - aber keinesfalls Anbetung des Ehegefährten.
Wer so zur Ehe schreibt, verfasst eine flammende Selbstanklage.

- Nach Hermann Oeser , copyright 1913 -



Auszug aus „Wort zur Zeit“, Ausgabe: März/ April 2004, 18. Jahrgang, Nummer 2
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